Sich was vormachen
Worin liegt eigentlich genau der Unterschied, zwischen ‚sich was
vormachen’ und ‚glauben’? Gibt es einen Unterschied? Wahrscheinlich
beschreibt das ‚sich was vormachen’ den Beginn eines Glaubens. Denn, sobald
der Glaube gewachsen, oder stark ist, meine ich doch ‚zu Wissen’ – oder?
In meiner Vergangenheit habe ich sehr schmerzhaft den Satz ‚Du machst Dir nur was vor’ kennen gelernt. Tatsächlich kam kurze Zeit später ein Ereignis, dass mir deutlich vor Augen führte, dass mein Gegenüber mit seiner Aussage wohl ins Schwarze getroffen hatte ...
Aber, mir ging es gut, wenn ‚ich mir was vormachte’. Dadurch
konnte Hoffnung in mir wachsen. Die Sorgengedanken verringerten sich und die
Qual des Lebens wurde erträglicher – trotzdem verbot ich es mir sofort, weil ich
realistisch sein wollte ...
Heute vertrete ich die Meinung, dass ein entstehender Glaube (woran auch immer) dem Gegenüber wie ‚sich etwas vormachen’ (oder auch wie ein Lippenbekenntnis) erscheint. Die Mitmenschen sehen (Körpersprache) und fühlen meine Unsicherheit gegenüber dem keimenden Glauben und geben mir so das Feedback, dass ich mir etwas vormache – und genau so ist es am Anfang doch auch! Um einen Glauben zu verinnerlichen braucht es persönlichste Ereignisse. Sie bewegen das Individuum tief und werden als Beweis für den Glauben angenommen. Wer kann schon einen Glauben annehmen, ohne sich, oder diesen durch die in der Vergangenheit gemachten Erfahrungen zu hinterfragen?
Woher kommen aber all die intensiven Gefühle, wenn mir
jemand zu diesem Zeitpunkt sagt, wo ich stehe?
Ø
Ich fühle meine Unsicherheit, denn noch weis ich nicht, ob mich
mein neuer Glaube ‚richtig’, oder lächerlich in den Augen meines Gegenübers
macht.
Ø
Die Befürchtung wieder etwas ‚falsch’ zu machen ist gegenwärtig.
Ø
All meine Zweifel steigen in mir auf und ich hinterfrage meine
Entscheidung an das Neue zu glauben.
Ø
Die gewählte Formulierung erzeugt in mir Gefühle von Geringschätzung
(Du spinnst ja, Mensch bist Du blöd, das weis doch jeder usw.)
Ø
Eine alte Verletzung macht sich bemerkbar.
Ø
Mein Gegenüber erinnert sich durch meinen keimenden Glauben an eine
schmerzhafte Zeit und diese Gefühle nehme ich wahr.
Ø Ich bin enttäuscht von mir, weil ich dachte wirklich daran zu glauben ...
Ø
Ich
bin wütend auf mich, denn ich fühle ein Versagen in mir.
Ø
usw.
Sobald ich weis, dass ‚sich was vormachen’ und ‚am Beginn
eines für mich neuen Glaubens stehen’ ähnlich/identisch ist, kann ich meinem
Mitmenschen genau das mitteilen. Am leichtesten ist dies in Frageform –
dadurch bleibt alles offen (z.B. gibt es Deiner Ansicht nach einen Unterschied
zwischen ‚sich was vormachen’ und dem Beginn eines neuen Glaubens? Wenn ja,
welchen?).
Ich habe diese Art der Offenheit (Mitteilen der Beweggründe)
ausprobiert und wunderschöne Erfahrungen gesammelt. Manche meiner Mitmenschen
wollten mir ihre Erfahrungen mitteilen und mich dadurch vor schmerzhaften
Erlebnissen bewahren. Hier durfte ich mich für meine Selbstverantwortung
entscheiden, d.h. ich bedankte mich für die Informationen und verdeutlichte,
dass ich entschieden habe diese Erfahrung nun selbst machen zu wollen.
Andere, welche mich als blauäugig einschätzten, waren erstaunt,
als sie durch das Mitteilen vieler potenzieller Möglichkeiten erkannten, dass
und wie ich das Für und Wider meines Glaubens vor meiner Entscheidung geprüft
hatte, und was ich mit meinem Glauben für Ziele verfolgte. Dadurch entstand
eine veränderte Sichtweise auf mich.
Gegen Ende des Austausches wies ich jeweils darauf hin, dass es
durchaus möglich sei, einem Irrglauben aufzusitzen. Ja, aber was ist mir
dadurch passiert? Ich kann jederzeit diesen Glauben ‚aufgeben’, einen neuen
Versuch starten, oder es lassen. Falls dieser keimende Glaube aber der
‚Richtige’ für mich bleibt, kann er/sie jederzeit erleben, was mein neuer
Glaube aus mir macht. Ich will für ein weiteres Feedback offen sein, zeigt es
mir doch, wo ich stehe, oder wie ich auf meine Mitmenschen wirke ...
Wir lehren und lernen zu jeder Zeit. Die jeweilige Einstellung löst
in uns Gefühle aus, ob z.B. eine Blase zerplatzt, oder ein Abschnitt des
Agierens angebrochen ist. Letztendlich sollte ein Glaube in uns den Mut
erzeugen, Neues zu wagen und so die Erfahrungsvielfalt des Lebens zu erschaffen.
Aber, genauso wichtig ist die Beruhigung der eigenen Sorgengedanken, damit die
Fragen des Lebens erträglicher empfunden werden können.
Das Leben beantwortet alle Fragen zu seiner Zeit. Es ist der Mensch, der die Bewegung hinterfragt, bis er die Weisheit der Bewegung selbst erkennen kann ...
Herzlichst
Brigitte