Orientierung
Was ist Orientierung? Das Ausrichten auf ein Ziel mit dem Wissen um
den Weg – aber woher kann ich den Weg denn wissen? Nur durch andere, die
diesen Weg bereits beschritten haben? Was gibt mir die Sicherheit, dass dieser
Weg der meine ist? Da bleibt nur die Erkenntnis, dass ich mein Ziel und meinen
Weg durch viele Entscheidungen selbst erkunden muss, übrig ...
Genauso
empfinde ich auch das Leben. Wann mache ich ‚alles richtig’? Woher die
Orientierung nehmen? Was ist Wahrheit? Wer hat sie festgelegt? Auf welcher Basis
beruht die Festlegung und wie kann ich sicher sein, dass diese Basis stimmt,
wenn doch jede Basis auf eine Annahme gegründet wird? Wie erkenne ich Wahrheit,
rhetorischen Müll, Phrasen, oder Worthülsen?
Eine mögliche Orientierung ist die Ausrichtung nach der Liebe, aber
was genau ist das denn? Woher kommt die Sicherheit, welche Art von Liebe gelebt
wird? Wie beispielsweise die kopfgesteuerte, egoistische, mitfühlende,
selbstlose, oder gütige Liebe unterscheiden? Wann kann ich sicher sein die
‚richtige’ Liebe zu leben und wann spielt mir mein Ego wieder mal unbemerkt
einen Streich?
Welche Liebe ist die Richtige? Kann eine selbstlose Liebe die sich für
andere aufopfert, also aus Hinnehmen, Aushalten und Leiden besteht tatsächlich
die Richtige sein? Ist die Liebe die mir Freude bringt, mein Selbstwertgefühl
steigert und mir ein Wohlgefühl schenkt, egoistisch? Es gibt immer einen
Blickwinkel, aus dem eine der aufgezählten Liebesarten als richtig erscheint.
Bei einem anderen Blickwinkel wird sie aber falsch – wer bestimmt welcher
Blickwinkel der Richtige ist?
Wo sind die Regeln, die Richtlinien, die Wahrheit??? Wo bleiben die
Unterrichtsfächer ‚Liebe’ und ‚Leben’? Wer ist dafür zuständig? Zur
Zeit wohl niemand, also heißt es tapfer selbst nach Antworten suchen ...
Eine naheliegende Orientierung ist die Ausrichtung auf die
Intuition. Und wieder jede Menge Orientierungslosigkeit, denn woher die
Unterscheidung von Ego, Verstand, Herz und höheres Selbst nehmen? Wann auf
andere hören und wann zu sich selbst stehen? Wann wirke ich egoistisch,
verbohrt, beharrlich, oder abweisend, und stehe dadurch in Wirklichkeit zu mir?
Wann ist das Hören auf andere gefordert und wichtig für mich? Wie kann ich
Frieden in mir finden, wenn das Außen mir abwechselnd mitteilt, dass da etwas
mit mir nicht stimmt, oder dass ich ein toller Mensch bin?
Auch die Wissenschaft hat sich als wenig stabile Quelle zur
Orientierung gezeigt. Obwohl sie den Anschein von Sicherheit und Beweisführung
vermittelt, ist es doch auffällig, wie lange eine herausgefundene, geprüft und
bewiesene Informationseinheit als gültig gilt. In letzter Zeit kommt die
Wissenschaft mit der Verbreitung der Feststellungen kaum nach und es sticht ins
Auge, dass viele frühere Feststellungen heute widerlegt werden ...
Nehme ich die Wahrnehmung als Grundlage der Orientierung, stelle ich
sehr schnell fest, dass sie variabel ist und jedes Wesen zusätzlich seine
eigene Wahrnehmung hat. Welche ist die Richtige? Wer soll, darf, oder muß dies
festlegen? Ab wann gilt ein Medium als gesegnet, oder verrückt?
Hilfsmittel wie Orakel, Medien, Mitmenschen, oder Bücher helfen
einen Weg auszuwählen, aber die Frage nach dem richtigen, oder falschen Weg
bleibt erhalten. Wann werde ich manipuliert, wann nutzt mich ein anderer aus,
wann verhalte ich mich richtig, oder falsch???
Oh je, jetzt habe ich mein ganzes Leben ohne Unterlass geforscht,
gefragt und Antworten gefunden und trotzdem habe ich gerade jetzt das Gefühl,
dass ich gar nichts mit Sicherheit herausgefunden habe. Natürlich amüsiere und
tröste ich mich mit dem Satz „Ich weiß, dass ich nichts weis!“, aber glücklich
macht mich das nicht wirklich ...
Was gibt es in dieser Welt, in meinem Leben, was auf Entdeckung
wartet? Wer gibt die Richtlinien vor, wer schenkt mir Orientierung, also Ordnung
im Chaos?
Viele antworten darauf „die einzige Orientierung sei die
Ausrichtung nach Gott, oder dem Heiligen Geist“. Aber was genau ist denn das?
Was macht alle so sicher, dass es das tatsächlich gibt? Alle reden davon und
fast jeder hat eine eigene Sichtweise auf diese ‚Wesen’, oder plappert eine
festgelegte Sichtweise nach ...
Für mich ist Gott gütig und die Liebe, aber im Außen wird er oft
zum strafenden Gott, der die Sünde verdammt – wer hat recht? Also wie kann
ich mich auf Gott ausrichten (mein innigster Wunsch!!!), wenn ich gar keine
Ahnung habe, was das ist? In der Bibel steht „Du sollst Dir kein Bildnis von
Gott dem Herrn machen“ – na prima! Wer hat die Bilder vom gütigen und
strafenden Gott denn in unsere Köpfe gesenkt? Es gibt unzählige Bücher in der
bis ins kleinste festgelegt wurde, was als Sünde gesehen werden muß (es lebe
das Bild vom kleinkarierten Gott)!
Zwar wird mit der Erlösung gewunken, aber hier sehe ich die Ursache der
Schuldgefühle, die mich belasten. Warum fällt es mir so schwer diese Bilder in
mir loszulassen???
Angeblich ist Gott überall, wenn ich das als wahr zugrunde lege,
dann ist Gott Energie, denn dies ist der gemeinsame Nenner der die Materie
verbindet. Gott ist angeblich Geist, wenn ich das als wahr zugrunde lege, dann
passt die Aussage „Gott schuf uns nach seinem Bilde“, denn auch ich bin
Geist. Dies würde auch zu der Aussage passen, „Wir sind alle Eins“.
Ich glaube das dies ‚der Wahrheit’ ziemlich nah kommt, denn ich
habe keine Ahnung, wie ich meinen Geist beschreiben soll. Was ist z.B. ein
Gedanken und wo genau kommt er her? In der Hirnforschung wurde festgestellt, das
der Gedanke etwas früher da ist, als die Reaktion im Gehirn ...
Ach ja, die Welt der Fragen ist mir sooo vertraut (kicher) ...
Da Gott eine persönliche Sache zu sein scheint, nehme ich mir das
Recht heraus mir mein eigenes Bild von Gott zu gestalten. Mein Gott/Göttin ist
ein Gott der Liebe, weil mich dieses Bild fröhlich stimmt. Auch wenn als Verbot
in der Bibel steht „du sollst Dir kein Bildnis von Gott machen“, glaube ich
an seine/ihre Güte und daran, dass mein Gott Mitgefühl für mich hat, denn er/sie
weiß um meine Entwicklung und mein Streben. Heute brauche ich noch ein Bild zur
Orientierung, morgen bin ich vielleicht schon so weit ‚gewachsen’, dass ich
das Bild loslassen kann.
Heute bringt mir das Streben nach Urteilsfreiheit inneren Frieden.
Solange eine zweifelsfreie Anleitung fehlt und alle Richtlinien auf fragwürdiger
Basis gegründet sind, hilft mir das Loslassen des Richtig-, oder Falsch-Urteils
sehr. Drei weitere für mich wichtige ‚Helfer’ sind:
Glauben – Glaube erwächst durch Übung und Erfahrung, aber zuerst habe ich aus allen Möglichkeiten auszuwählen, was ich glauben will. Danach kommt das Festigen des Glaubens durch Ausrichtung der Gedanken (Übung) und die Sicherheit kommt durch das Erleben wie sich ‚alles’ nach diesem Glauben ordnet (Erfahrung).
Hoffnung
– Hoffnung zu hegen, bis aus der Hoffnung Gewissheit wird braucht die
Entscheidung, Auswahl, oder Festlegung, auf was ich hoffen will. Die Hoffnung
ist der Wegbereiter des Glaubens.
Liebe (jaja die Liebe...) – Liebe ist das Einzige das wächst,
wenn sie verschwendet wird. Der Glaube und die Hoffnung helfen dabei sie jeden
Tag neu zu entdecken, sich neu für sie zu entscheiden und sie in sich dadurch
wachsen zu lassen ...
Mit meiner Entscheidung die Liebe leben zu wollen, hege ich die
Hoffnung dies zu erreichen. Mein Glaube an einen Gott der Güte und Liebe wird
mein inneres Chaos ordnen, dadurch kann der Frieden in mir platz nehmen.
Diese vier Helfer brauche ich heute um meinem Leben eine
‚sichere’, weil geordnete Form zu geben, denn die Freiheit einfach so zu
leben, ohne Richtung, oder Festlegung (wie Gott) ist noch ganz weit weg. Da
ich weiß, dass ich dies noch nicht für mich annehmen kann, wähle ich meinen
‚Umweg’ den ich beschreite, bis ich soweit bin.
Ja, aber wo bleiben die Antworten auf meine vielen Fragen? Es gibt
viele und keine Antworten zugleich! Warum soll ich mich mit der Suche weiter
belasten? Meine Ausrichtung auf die Liebe soll mich ganz und gar ausfüllen! Ich
will in Gott/Göttin sein (was auch immer das ist) und darauf will ich meine
ganze Kraft verwenden.
Natürlich habe ich noch keine Ahnung, wie sich dieser Fokus halten
und täglich umsetzen lässt, aber was solls? Mein Gott der Güte und Liebe
kommt ohne Gerichtshof aus, also darf auch ich aufhören mich zu richten. Ich
will mit Freude und Leichtigkeit mein Leben in Liebe gestalten. Ohne Schuld und
Verurteilung darf ich mich jeden Tag neu erfinden, auch meinen Weg und wie ich
ihn beschreite ...
Herzlichst
Brigitte